Von Kiew nach Potsdam - Ein Interview mit einer geflüchteten ukrainischen Familie


Dieses Interview wurde 8 Wochen nach Kriegsbeginn aufgezeichnet. Die Interviewte, Tanja Rybakova – ist Deutschlehrerin an einem Gymnasium, lebte mit ihrem Mann Vitalii und ihren beiden Kindern Tolik, 14 J. und Maria, 9 J. in Gostomel nordwestlich von Kiew, dort, wo die ersten russischen Bomben fielen.

Sie bewohnten ein schönes Haus mit großem Garten, mit Hund und Katzen. Ihr Leben war gut und friedlich. Heute lebt Tanja mit den beiden Kindern in einem Zimmer bei einer Freundin in Potsdam. Ihr Mann ist z.Zt. in der Ukraine tätig als Programmierer.

Die Interviewerin, Edith Herrmann aus Bremen, hatte Tanja vor wenigen Jahren als Gastgeberin über das Programm des Goethe-Instituts für Deutschlehrerinnen kennengelernt. Wir bedanken uns herzlich für die Bereitstellung des Textes, für unseren Blog.

Edith: Der russische Überfall auf die Ukraine begann im Morgengrauen des 24. Februar dieses Jahres. Wie hast du ihn erlebt?

Tanja: Bei mir begann der Krieg um halb fünf in der Nacht, als ich Bomben fallen hörte. Dann habe ich sofort die Nachrichten geschaut – aber da gab es keine Informationen darüber. Dann bin ich auf Facebook gegangen und da las ich, dass auch andere Detonationen gehört hatten. Da habe ich verstanden: der Krieg hat begonnen.

Was hast du dann als nächstes gemacht?

Ich habe zuerst meinen Mann geweckt, aber er wollte mir nicht glauben; er hat gedacht, ich bilde mir das nur ein, hätte es nur geträumt. Aber dann hat auch er auf Facebook geschaut und verstanden, dass der Krieg begonnen hat.

Die Nachricht versetzte uns hier im Westen in eine Art Schockstarre. Wir wachten in einer anderen Zeit auf, wie es unsere Außenministerin formulierte. Hattet ihr in der Ukraine mit diesem Angriff zu diesem Zeitpunkt gerechnet?

Ja, wir hatten schon irgendwie damit gerechnet, denn ehrlich gesagt – der Krieg hatte bereits vor 8 Jahren, 2014, begonnen, mit den kriegerischen Auseinandersetzungen in Luhansk und Donezk und mit der Annexion der Krim seitens Russland.

Hattet ihr vor dem 24.2.22 Überlegungen angestellt, was im Falle eines Kriegsausbruchs ganz praktisch zu tun sei? Hattet ihr Vorsorge getroffen?

Ja, ich hatte alles mit meinem Mann besprochen. Wir waren seit der Krim-Besetzung darauf vorbereitet, dass dies nicht die letzte kriegerische Aggression von russischer Seite sein würde.

Was habt ihr getan, als die Detonationen immer näherkamen und die russischen Panzer langsam heranrückten?

Wir hatten einen großen Keller, ein ganzes Geschoss unterhalb des Erdgeschosses. Da war sehr viel Platz. Da sind wir hineingegangen und fühlten uns dort erst einmal sicher.

Und eure Nachbarn – hatten die auch solche Keller, wie haben die sich geschützt?

Keiner von denen hatte solch einen großen Keller und gegen 11 Uhr vormittags begannen alle Nachbarn zu uns zu kommen. Mit meiner Familie waren es schließlich 22 Leute. Wir konnten uns konkret gar nicht vorstellen, wie lange wir dortbleiben müssten. Wir hatten eingekauft 10 kg Mehl, 10 kg Zucker, und dann hatte ich ganz viele Senfgurken eingelegt, und wir hatten Fleisch und auch getrocknete Lebensmittel, und ich hatte noch schnell 2 große Laibe Brot gebacken. Wir hatten auch Gaskocher besorgt, falls der Strom ausfallen würde.

Ihr hattet also Vorsorge getroffen. Dennoch habt ihr euch sehr schnell entschieden zu fliehen.

Ja, die Entscheidung fiel schnell, nach einem halben Tag. Zudem hatte ich ja auch die Gewissheit von meiner Freundin in Potsdam, dass wenn der Krieg ausbricht, ich mit den Kindern sofort zu ihr kommen könnte. Für mich begann der Krieg – und damit auch der Gedanke an Flucht – als wir die Bombardierung des Flughafens gehört und gesehen haben.

Nordwestlich von Kiew liegt ein Militärflughafen, nur ca. 800 m von unserm Haus entfernt. Der Flughafen und die umliegenden Häuser wurden gleich am ersten Tag beschossen. So gegen 12 Uhr sahen wir an die 40 Hubschrauber in der Luft kreisen. Die eine Hälfte der Hubschrauber setzte Truppen ab, und die andere Hälfte warf Bomben über dem Flugplatz ab. Es dauerte 6 Stunden. Es war ein höllischer Lärm.

Sind viele aus deinem Familien- oder Bekanntenkreis geflohen?

Aus meiner Familie bin nur ich mit den Kindern ins Ausland geflohen. Meine ganze Familie ist dageblieben. Meine Schwester, die hochschwanger war, ist bei Freunden nahe der ungarischen Grenze untergekommen und hat da auch ihr Kind zur Welt gebracht. Eine Familie aus der Nachbarschaft ist auch geflohen, aber die alten Leute sind erst einmal geblieben. Die Männer haben unsere Familien bis zur Grenze begleitet. Männer von 18 – 60 Jahren, also im wehrfähigen Alter, durften die Ukraine ja nicht mehr verlassen.

Und du hast dann erlebt, dass diese Soldaten, die auf dem Militärflughafen gelandet waren, schließlich durch eure Straßen kamen und nach ukrainischen Zivilisten und Soldaten suchten.

Ja, es geschah gleich in der ersten Nacht und wir saßen im Keller und wir hörten sie in unsere Straße kommen.

Wir hatten einen Mann bei uns, der militärisch ausgebildet war, und er erkannte die große Gefahr, in der wir uns nun befanden. Bis zu dieser Nacht hatten wir noch Strom. Jetzt mussten wir nun doch alle Lampen ausschalten, damit unser Haus von den Soldaten nicht zu erkennen war.

Unser Hund lief immer um das Haus herum und die Bewegungsmelder gingen permanent an; unser Haus glich einem leuchtenden Tannenbaum und das brachte uns in größte Gefahr. Dann ist dieser besagte Mann auf das Hausdach gestiegen und hat dort die Hauptsicherung ausgeschaltet, anders ging das Problem nicht zu lösen. Ab da saßen wir mehr oder weniger im Dunkeln.

Dann wurde beschlossen, alle Fenster im Keller dicht zu machen, mit Brettern, und wir sollten uns nicht mehr rühren und sprechen, denn es war deutlich zu hören, dass russische Soldaten bereits in unserer Straße waren. Es war eine grauenhafte Nacht.

Und wann habt ihr euer Auto gepackt und seid losgefahren?

Am nächsten Tag kam noch eine Freundin, sie ist auch die Patentante meines Sohnes, mit ihrer Tochter zu uns. Mein Mann holte sie mit dem Auto aus Butscha ab, das ist 10 km entfernt.

Ihr wart ja nun sechs Personen, drei Erwachsene und drei Kinder – und ein Auto. Viel Platz für Gepäck war da nicht mehr. Was hast du in der Eile mitgenommen?

Ich habe alles eingepackt, was unbedingt mitmusste: unsere persönlichen Dokumente, Schlafsäcke, Zelte, Essen, Medikamente und einen Notfallkoffer – aber die ganz normalen Sachen, wie genügend Unterwäsche oder T-Shirts - die habe ich vergessen. Ich habe auch keine Fotoalben eingesteckt, und ich habe mir wirklich Sorgen gemacht, wenn das Haus abbrennen sollte, dass ich dann nicht einmal ein Foto von meinen Kindern, als sie klein waren, mehr hätte…

Aber Gott sei Dank, es ist alles noch da und unser Haus steht noch, ohne große Beschädigung. Eine Freundin fragte später über Facebook: Was war das Merkwürdigste, was Ihr auf eure Flucht mitgenommen habt? In der Panik waren das die seltsamsten Dinge, ich z.B. hatte im Kofferraum Schwimmflossen, Sonnenmilch und eine Fernbedienung für die große Lampe an der Wohnzimmerdecke dabei! (lacht)

Dein Mann war ja zurückgekehrt und konnte dir von der Situation zuhause und in der Nachbarschaft berichten und auch Fotos schicken.

Unser Haus ist – bis auf ein paar Fensterscheiben – unbeschädigt geblieben. Aber ein Haus in unserer Straße ist völlig zerstört worden, drei weitere sehr stark getroffen. In unserem Keller waren noch zehn Nachbarn geblieben, später kamen spontan noch 6 fremde Leute hinzu; sie sind insgesamt in diesem Keller zwei Wochen versteckt geblieben. Danach gab es sogenannte Fluchtkorridore, aber sie haben noch zwei Tage gewartet, bis sie wagten zu fliehen – denn zu dieser Zeit gab es trotz allem Beschuss auf zivile Fluchtautos. Die Fotos von flüchtenden Familien in ihren Autos, die in der Gegend von Butscha gezielt beschossen wurden, gingen ja um die Welt.

Und es wurde auch ganz gezielt und ohne Warnung auf Zivilisten geschossen, wenn sie auf die Straße gingen. So wurden meine Nachbarn, ein altes Ehepaar, beschossen und verwundet, als sie Wasser holen wollten. Die Frau war meine Schwiegermutter aus erster Ehe.

Wie hat dein Mann das Haus, nachdem alle geflüchtet und nachdem die Russen abgezogen waren, vorgefunden?

Ach… die haben das ganze Haus geplündert, sie haben alle Lebensmittel verstreut, sie haben alles durcheinander gewühlt, sie haben alle Schubladen herausrissen, sie haben alles beschmutzt mit Kot und Urin, sie haben Schnaps gefunden und sich betrunken. Sie haben alles unglaublich dreckig gemacht – man kann sich nicht vorstellen, dass so etwas von Menschen möglich ist… Einfach schrecklich!

Ihr hattet doch auch Haustiere? Diese konntet ihr ja nicht mehr mitnehmen. Was ist mit ihnen geschehen?

Ja, wir hatten zwei Kater und einen Hund, einen Labrador. Der eine Kater, der lief immer frei herum, den haben wir nicht mehr gefunden, aber der andere war sehr anhänglich und ist mit meiner Schwiegermutter geflohen und lebt jetzt bei ihr.

Den Hund konnten weder wir noch die Nachbarn mitnehmen, denn sie hatten für 18 Personen nur drei Autos. Für unseren Hund haben wir auf unserem Grundstück an mehreren Stellen Futter und Wasser hinterlassen. Er hat alles gut überstanden. Wir waren alle so glücklich, dass unser Hund überlebt hat. Und der Kater, der dortgeblieben ist und den wir nicht mehr finden konnten, ist inzwischen zurückgekehrt; dem geht es jetzt auch sehr gut, denn er hat dort eine Freundin gefunden.

Für eure Haustiere ist es gut ausgegangen – aber noch mal zurück zu euch und zu dem Tag, als eure Flucht begann: Was erinnerst du noch?

Wir hatten ein Auto und waren insgesamt sechs Leute, also mein Mann, ich und unsere beiden Kinder und meine Freundin mit ihrer Tochter. Es war sehr eng und sehr anstrengend, vor allem als wir zwei Tage und Nächte an der Grenze zu Polen in einer langen Autoschlange warten mussten.

Am zweiten Tag des Kriegsbeginns gegen 8 Uhr fuhren wir los, um noch meine Freundin und ihrer Tochter abzuholen. Da mussten wir schon eine militärische Sperre umfahren, denn da waren die russischen Panzer nicht mehr weit. Dann kamen wir am Haus meiner Freundin an und wir mussten ihre Sachen in aller Eile einpacken.

Wir hörten überall schon die Detonationen, konnten aber nicht erkennen, wo genau die Bomben herunterkamen. Wir sind dann losgefahren und haben plötzlich gemerkt, dass wir genau in Richtung der russischen Panzerkolonne fuhren. Es war eine Frage von 10 oder 20 Minuten, bis wir auf die Panzer gestoßen wären. Und die Autos auf dieser Route sind ja dann auch beschossen worden.

Wir sind dann umgekehrt, haben den Stau umfahren, haben Nebenwege genommen, sind über einen Acker gefahren. Und unvorstellbar: 100 km weiter westlich gab es ganz normales Leben, es war alles so friedlich! Das war so wohltuend und beruhigend! In dieser Gegend war zu jener Zeit überhaupt noch keine Bombe gefallen, dort gab es keinerlei Anzeichen von Krieg. Das kam erst später.

Deine Eltern sind ja in der Ukraine geblieben, in einem Ort südlich von Kiew. Wie ging es ihnen?

Mein Vater hat uns unterwegs immer angerufen und sich solche Sorgen um uns gemacht, immer gefragt, warum wir nicht zu ihnen gekommen seien. Aber wir hätten das rein technisch gar nicht gekonnt, denn am zweiten Tag waren schon alle Brückenverbindungen dorthin bombardiert worden.

Meine Eltern konnten das alles gar nicht glauben – erst als sie die Bilder im Fernsehen davon sahen. Und auch ich quälte mich immer mit der Frage, war meine Entscheidung nach Deutschland zu fliehen, richtig? Aber in der letzten Nacht in der Ukraine, wir übernachteten in der Nähe von Lemberg, das schon völlig überfüllt war von Flüchtlingen – bemerkte ich, wie meine Kinder bei jedem fremdartigen Geräusch – sei es, dass jemand eine Tür zumachte oder Schritte auf dem Flur – Angst bekamen. Da habe ich schließlich gewusst, dass meine Entscheidung für die Kinder richtig gewesen ist.

Wie ging eure Flucht dann weiter?

Am nächsten Morgen wurde auch dieses kleine Städtchen bombardiert, weil sich dort in der Nähe ein ganz kleiner Militärflughafen befand. Da war es für uns ganz klar, wir müssen weiter. Und dann erreichten wir die Autoschlange vor der Grenze zu Polen, dort haben wir uns eingereiht. Für 15 km haben wir 2 Tage und Nächte gebraucht.

Wurdet ihr irgendwie versorgt während dieser Zeit?

Ja, es gab Freiwilligenhelfer aus den Nachbardörfern, die Essen und Trinken an uns verteilten. Obwohl, wir hatten ja Lebensmittel eingepackt. In den kalten Nächten haben wir dann in unseren Zelten geschlafen. Schlafsäcke und warme Sachen hatten wir dabei.

Während wir in der Autoschlange warteten, passierte es, dass eine alte Dame einen Herzinfarkt erlitt und gestorben ist. Es kam ein Rettungswagen und man hat sie aus dem Auto gezogen und auf die Straße gelegt. Sie versuchten sie zu reanimieren, aber es war erfolglos. Die Autos mussten alle um sie herumfahren.

Ich machte mir Sorgen, wie meine Kinder diese Szene wohl verkraften würden – aber sie sagten nur, ja, die Frau war halt schon alt… Die Kinder haben offensichtlich gemerkt, was ein natürlicher Tod ist und was ein unnatürlicher, ein gewaltsamer. Vor dem natürlichen Tod hatten sie keine Angst bekommen, alles was mit dem Krieg zusammenhing, davor hatten sie große Angst. Aber auch da fanden sie zu einer Art ‘Normalität’, indem sie in den ersten beiden Nächten in unserem Keller unter dem permanenten Beschuss schließlich anfingen, die einzelnen Bomben-Typen zu unterscheiden und zu benennen.

Was war das Schlimmste an der Flucht für Dich?

Das Schlimmste war der Abschied von meinem Mann und der Abschied der Kinder von ihm. Dann, die Schreckmomente, als eine Lichtrakete in unseren Keller gedrungen ist und ganz nah am Kopf von meinem Sohn vorbeigeflogen ist, und die Rakete, die durch die Kellertür auf dem Boden eingeschlagen ist… Und wie meine Nichte, die hochschwanger war, immer nur geweint hat… Die alte Dame, die da vor uns auf der Straße gestorben ist … Die plötzlichen Bombardierungen am ersten Kriegstag…

Aber am schlimmsten war der Abschied von meinem Mann. Wir konnten – und wollten – nicht wissen, ob und wann wir uns wiedersehen würden…und das weiß ich bis heute nicht. (weint)

Das Schlimmste war und ist, dass deine Familie auseinandergerissen ist. Die Kinder vermissen ihren Vater, du vermisst deinen Mann. Hätte er auch mit euch fliehen können?

Theoretisch ja. Aber er hat die Entscheidung getroffen, dass er in die Ukraine zurückkehrt. Auf seinem Weg zurück hat er noch Leute und Hilfsgüter mitgenommen.

Konntest Du diese Entscheidung akzeptieren?

Ich glaube, das war der richtige Weg – denn wenn er sich nicht so entschieden hätte, hätte ich keine Achtung mehr vor ihm gehabt. Ja, ich wusste es, dass er sich so entscheiden würde.

Hochachtung, wie sich Dein Mann entschieden hat! Ebenso habe ich Hochachtung dir gegenüber, wie du die Flucht organisiert und eure Kinder hierher in Sicherheit gebracht hast.

Ich weiß nicht, wie ich das überhaupt geschafft habe… (weint)

Wie habt ihr die erste Zeit in Deutschland, in Potsdam erlebt?

Weißt du, das ist wie bei den japanischen Samurais: Du hast einen Weg, aber kein Ziel. Du musst einfach machen, ohne groß zu überlegen.

Und da muss ich meiner Freundin, wo wir untergekommen sind, sehr dankbar sein, dass sie so viel Verständnis hatte und überhaupt nichts von mir und meinen Kindern verlangt hat. Sie hat uns Zeit und Ruhe gegeben. So sind die ersten Wochen verlaufen, aber bis heute weiß ich nicht so richtig, wie es weitergehen soll, was ich alles noch erledigen muss, es funktioniert hier ja in Deutschland alles ganz anders… Und ob die Entscheidung zu fliehen richtig war? Ja, in Bezug auf die Kinder ist das keine Frage. Sie sind in Sicherheit, das ist gut und richtig.

Inzwischen hast du eine neue Aufgabe gefunden und auch die Kinder haben wieder einen strukturierten Alltag, dadurch dass sie in ein Gymnasium vor Ort aufgenommen wurden.

Ja, vor zwei Wochen hat uns eine Nachbarin diese Schulplätze für meine beiden Kinder vermittelt, und bei dieser Gelegenheit hat der Schuldirektor erfahren, dass ich Deutschlehrerin bin, und so hat er mir vorgeschlagen, eine Welcome-Klasse für ukrainische Flüchtlingskinder zu eröffnen, und das mache ich jetzt ehrenamtlich. Wir haben 22 Kinder aus der Ukraine. Ich freue mich für sie und ich freue mich, dass ich diese Arbeit habe, so lenke ich mich auch von meinen Sorgen ab.

Aber Du hast noch eine andere Aufgabe, nämlich deine alte ukrainische Klasse zu unterrichten. Wo sind diese Kinder nun alle?

Überall! In meiner ukrainischen Klasse, in der ich Klassenlehrerin bin, sind von insgesamt 33 Kindern 20 im Ausland. Sie sind hier in Deutschland, in Polen, in der Slowakei, in Österreich, der Schweiz, in Belgien, in Frankreich, in der Türkei…

Ich unterrichte über zoom, aber erst abends, da meine Schüler im Ausland tagsüber den dortigen Unterricht besuchen.

Ihr kamt an als Flüchtlinge, im Gepäck nur das Allernötigste, belastet mit schrecklichen Erlebnissen und Sorgen, in ein Land mit Menschen, die in Sicherheit und Wohlstand leben. Wie sind euch die Menschen hier begegnet?

Sehr gut. Also als erstes bin ich zutiefst dankbar gegenüber meiner Freundin und ihrem deutschen Mann, die so rücksichtsvoll sind und sich so für uns einsetzen.

Der Schuldirektor von dem Gymnasium, er ist ein so guter Mensch und hat sich für meine Kinder und die anderen Flüchtlingskinder engagiert, und überhaupt die ganze Schulgemeinde, die Lehrer, die Kinder – zum Beispiel gibt es jede Woche einen Kuchen-Basar, und der Erlös wird für unsere beschädigte Schule in Butscha gespendet.

Denkst du manchmal auch schon an die nähere oder weitere Zukunft? Welche Vorstellungen oder Träume hast du?

Ja, am liebsten würde ich sofort meinen Koffer packen und nach Hause fahren.

Die Kinder vermissen ihr Zuhause so sehr und sie fragen jeden Tag, wann können wir zurück? Wann werden wir befreit sein? Aber wir haben in unserem Haus bis heute keinen Strom, wir haben auch kein Wasser, Gas gibt es schon. Ach, ich weiß nicht…

Ich habe heute meine Aufenthaltsgenehmigung bekommen, mit der wir nun zwei Jahre lang hierbleiben können. Aber ich weiß überhaupt nicht, was da noch auf uns zukommt. Diese Ungewissheit ist schwer zu ertragen. Heute hat mein Sohn, 14 Jahre, geweint, er sagte, er sehe keine Zukunft mehr für sich, er hat sehr geweint. Und das tat mir als Mutter sehr weh.

Wie reagiert Deine Tochter Maria (9 Jahre) auf diese Situation?

Sie ist ja viel jünger, sie denkt noch nicht so wie ihr älterer Bruder. Heute hat sie gesagt, Mama, wenn Putin stirbt, dann kehren wir sofort nach Hause zurück!

Verständlich, dass ihr so schnell wie möglich in eure Heimat zurückkehren möchtet. Welches wären deine nächsten und dringendsten Aufgaben?

Ja, zuerst das Haus aufräumen – ganz gründlich und alles sauber machen! (lacht erfreut) Das zweite wären die Aufgaben in der Schule, ich müsste bald die Zeugnisse für die Kinder schreiben. Ich würde gerne einfach auf den Anruf meines Schuldirektors warten, der dann sagt, jetzt müssten alle Lehrer zurückkommen, damit die Schüler nicht dumm bleiben – das würde ich so gerne machen!

Aber unser Leben wird nie mehr so sein wie vorher. Ich sehe, dass in unserem Land so viel zerstört ist, dass so viele Städte oder die Vororte von Kiew, wo ich herkomme, in Schutt und Asche gebombt und oft nicht mehr wieder zu erkennen sind. Alles wird anders sein. Es wird nicht leicht werden.

Aber ich bin voller Hoffnung, ich bin absolut sicher, dass die Ukraine das Ganze überstehen kann – wenn Russland uns einfach nur in Ruhe lässt. Ich möchte, dass einfach keine Raketen mehr fliegen, dass Frieden ist.

Wenn man sein Vaterland liebt, wenn man seine Leute liebt, dann kann man alles überstehen.

Liebe Tanja, ich teile diese Hoffnung mit Dir und danke Dir, dass Du Dir so viel Zeit genommen hast für dieses Gespräch.

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Geschrieben von: Webredaktion

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